• Ein wütender Text über das Gefühl ohne zu wissen, was es eigentlich ist

    Vielleicht muss ich dieses Gefühl einfach mal zulassen. Öffentlich zulassen. Abgehängt. Nichts mehr zu sagen, irrelevant. Keine Ahnung, ob das ein Schriftsteller-spezielles, ein Tobi-spezielles oder ein universelles Problem ist.…

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  • Stream doch mal…

    Eigentlich sollte ich gerade an meinem neuen Bühnenprogramm schreiben. Aber allein beim Gedanken daran – zieht alles in mir die Notbremse. Über Tage habe ich gerätselt, warum dem so…

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  • Halt! Stop! Humorpolizei!

    Lieber Sigmar Gabriel, ich lese erfreut, dass sie gegen eine öffentliche Humorpolizei sind. Wo die SPD sich doch sonst auch mal für durchaus strittige Polizeigesetze stark macht. Kleiner Scherz.…

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  • Die

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    Neulich habe ich so ein Interview gelesen. Super Anfang, ich weiß. Da will man sofort erfahren, wie DER Text wohl weiter geht. Ich werd´s ihnen verraten. Nämlich so: Neulich…

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  • Fett geworden

    Ich bin fett geworden. Also, jetzt nicht körperlich. Also, auch, aber das meinte ich nicht. Eher so im Kopf. Ich schreibe diesen Text, während ich auf einem meiner arschbequemen…

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  • Ein wütender Text über das Gefühl ohne zu wissen, was es eigentlich ist

    Vielleicht muss ich dieses Gefühl einfach mal zulassen. Öffentlich zulassen. Abgehängt. Nichts mehr zu sagen, irrelevant. Keine Ahnung, ob das ein Schriftsteller-spezielles, ein Tobi-spezielles oder ein universelles Problem ist. Aber mir zumindest raubt es jeden Tag den Impuls, noch irgendetwas mit meiner Zeit anzufangen, einfach aus Angst, dass da am Ende nichts bei rauskommt, was jemand haben will.

    Ich weiß. Klingt wie jammern. Ist es bestimmt auch. Zu einem Teil. Aber mich interessiert die Mechanik dahinter. Weshalb fühle ich mich so, als ob alle Themen in mir irrelevant seien?

    Zu einem Teil bestimmt, weil mir das von außen kommuniziert wurde. Der Stoff deines letzten Romanversuchs – sorry, verkauft sich gerade ganz schlecht, männliche Stimmen sind gerade auch nicht so gefragt. Tobi, warum hast du immer diese sicheren Themen? Warum wagst du nicht mal was?

    Was soll man denn wagen in dieser Zeit? Als ob ich unendlich viele Versuche hätte. Ich verstehe das alles nicht. Ich verstehe mich nicht, die Branche nicht, alles nicht. Ich verstehe ja nicht einmal, wer ich bin. Bin ich Schriftsteller? Bühnenkünstler? Komiker? Oder alles zusammen und deshalb eigentlich nichts davon?

    Ja.

    Vielleicht.

    Das Gefühl einfach mal zulassen, nicht zu wissen, was wird. Was man sein und werden soll. Was erwartet wird. Was gelingt. Was nicht gelingt. Fucking Gegenwart aushalten, damit Zukunft passieren kann. Ist bestimmt kein Künstler-Problem, sondern so ein Welt-Problem, mit den ständig steigenden Erwartungen an uns selbst, weil alles beige und morgenfrisch sein muss, das Bett gemacht, bevor wir aufgestanden sind, die Fruit-Bowl fotogen durch die Küche geschwenkt bevor man überhaupt die Bolognese-Reste von gestern Abend rausgekratzt hat, dieses Gefühl von Überforderung abgeworfen, bevor das Hirn Zeit hatte, auf das Herz einzuprügeln ich weiß es doch auch nicht.

    Das Gefühl zulassen, nicht mehr erschöpft zu sein von dem Gedanken an den nächsten Einkauf unter Menschen, weil mich Inflation stresst und die Preise von Zitronen, ungefähr genau so viel wie die Menschen im Supermarkt, die nicht begreifen, dass sie Körper haben und unachtsam mit dem Platz umgehen, der ihnen zur Verfügung steht. Das alles stresst mich genauso wie zu viele Stimmen im Hintergrund und der moralische Verfall von Dieter Nuhr.

    Das Gefühl zulassen, viel zu wenig Zeit zu haben obwohl die Zeit aus allen Ecken und Enden quillt. Das Gefühl zulassen, Luxusprobleme zu haben. Das Gefühl zulassen, dass auch Luxusprobleme Probleme sind, die dich in den Abgrund treiben. Das Gefühl zulassen, wie ein wahnsinniger all das in einen inkohärenten Text zu kotzen, mit so vielen Zeichen pro Minute wie seit Jahren nicht mehr, das befreiende Gefühl erkennen, dass sich Luft machen manchmal wirklich Luft macht, Freiräume schafft, wenn die Explosion erstmal verhallt ist und wieder unverbrannter Sauerstoff nachsickert. Das Gefühl haben, dass man Gefühle auch öffentlich zulassen darf, vor allem solche, die so laut Zweifeln und Nagen und Schreien, dass sie eigentlich nicht für draußen sind, sondern Gefühle, die man drinnen hat, allerhöchstens mal in einem Wintergarten. Und was, wenn man sich den nicht leisten kann, weil alles, was man bisher getan hat irgendwie nicht so richtig funktioniert hat, was dann? Dann müssen die Gefühle halt nach draußen, ins Internet, den Hinterhof der Lebensrealität. Aber immerhin nicht auf der Straße, sagt man ja immer so.

    Das Gefühl zulassen, gerade keine Ahnung zu haben, wo es hingehen soll mit mir und dem, was ich kann und will und mag. Auch kein Künstler-Problem, schätze ich. Wo will ich denn?
    Was soll ich wollen, was kann ich dürfen? So viele Fragen. Ich weiß es doch auch nicht.

    Schreibt mir gern, vielleicht finden wir das alle gemeinsam raus.
    Das Gefühl zulassen, vielleicht nicht mehr allein zu sein mit dem Gefühl.
    Ich glaube, das fühlt sich gut an.

     

  • Stream doch mal…

    Stream doch mal…

    Eigentlich sollte ich gerade an meinem neuen Bühnenprogramm schreiben. Aber allein beim Gedanken daran – zieht alles in mir die Notbremse. Über Tage habe ich gerätselt, warum dem so ist. Habe viele Ausreden gewälzt, es auf die Hitze und den unaufgeräumten Schreibtisch geschoben – und an all dem ist auch bestimmt was dran. Aber.

    Ich bin ein wenig ratlos

    Niemand weiß, wie das alles weitergeht. Ich habe keine Ahnung, wann ich wieder „richtig“ auf die Bühne kann – und, viel schlimmer, keine Ahnung, wann ihr wieder „richtig“ vor die Bühne dürft. Diese Unsicherheit lässt alles, was ich hier aufzuschreiben hätte, etwas sinnlos scheinen. Natürlich kennt man das als KünstlerIn.

    „Wird das Buch überhaupt erscheinen?“

    „Wird überhaupt wer diese Platte kaufen?“

    „Gefällt das irgendwem?“

    Aber dieser Tage mischt sich eben noch etwas anderes hinzu. In so ziemlich jeder Kommentarspalte so ziemlich jeden Artikels lese ich von dieser Digitalität, die die KünstlerInnen jetzt aber doch endlich mal nutzen sollten.

    Einfach mal was streamen.

    Da würde man, als Verfasser besagten Kommentars, sofort Geld auf den Tisch für legen. Und alle anderen ganz sicher auch. Doch die Realität sieht leider sehr anders aus. Mit der gestreamten Variante meines Soloprogramms habe ich ganze 120€ verdient – nachdem alle anderen beteiligten Parteien (Videocrew, Theater, Agentur) auf ihre Anteile daran verzichtet haben.

    Mein interaktiver Krimi im Internet (www.BerndKies.de – schamlose Werbung) hat bei rechnerischen Produktionskosten von knapp 10.000€ bis heute solide 210€ Umsatz auf Spendenbasis erzielt. Rentabel geht irgendwie anders. Was kein Vorwurf ist. Ich kenne das von mir selbst. Flatrates haben mich zahlfaul gemacht, das Internet hat mich zahlfaul gemacht. Denn die Leistung, dieses Konzert, diese Lesung, die ist doch schon erbracht worden. Früher mal. Für jemand anderen. Ich bin doch sozusagen nur Kollateral-Konsument. Da jetzt nochmal zu zahlen – scheint mir abwegig. Ich konsumiere das doch nur, weil es ohnehin schon da ist.

    Alles ist Zweitverwertung

    Aber diese Zweitverwertung steht an erster Stelle. Und wenn alle ihre Klamotten nur noch Secondhand kaufen – was passiert dann mit der ersten Hand? Wo soll der ganze Scheiß denn herkommen? Wenn alle nur noch Gebrauchtwagen kaufen – wird das Betreiben einer Autofabrik recht schnell zu einem eher kostspieligen Hobby. Klingt jetzt alles weit hergeholt, ich weiß. Aber die Kunst – steuert mit der Kultur des Streamings genau darauf zu. Ist ja eh schon da.

    Kunst ist keine Infrastruktur. Auch wenn Spotify es so verkauft.

    Und das ist das Problem. Streaming und Flatrates rauben dem einzelnen Kunstwerk den Status des individuellen Produkts. Alles wird Ressource, quantitativ. Und damit Hintergrundrauschen. Streaming und Flatrates befreien uns als Konsumenten von der Notwendigkeit, eine Verpflichtung einzugehen. Uns festzulegen. 15 Schleifen für nur EIN Album? Nur EIN Hörbuch? Und was mache ich dann, wenn ich das durchgehört habe? Etwa NOCHMAL Geld ausgeben, wenn ich was anderes hören will? Ja, verdammt.

    Kunst ist ein Produkt. So hart und egoistisch das klingt. Wahrhaftige, aufrichtige Kunst – erfordert KünstlerInnen, die sich ihrem Schaffen verpflichtet fühlen. Das wollen wir alle. Menschen, die ernst nehmen, was sie tun. Damit es kein beliebiger Mist wird, den sie da veröffentlichen. Kein in der Mittagspause hingerotzter Ramsch. Sondern eben, ja, Kunst. Ein Song, der dich zum Heulen bringt. Oder euphorisch tanzen lässt. Ein Buch, das dir mal eben eine neue Welt erzählt. Und das erfordert Hingebung. Sich voll und ganz darauf einlassen. Oder eben, anders ausgedrückt, Verpflichtung.

    Und diese Verpflichtung muss aber auf beiden Seiten stattfinden, damit Kunst weiter stattfinden kann. Und Verpflichtung auf Konsumentenseite bedeutet eben: kaufen aus erster Hand.

    Flatrate-Streaming ist Zweitverwertung. Aber eben ab Werk. Und das wird, auf kurz oder lang, richtig, richtig schiefgehen.

    Das alles hier ist kein wütender Rant, dass ihr gefälligst meine Bücher kaufen sollt. Natürlich sollt ihr das, aber darum geht´s mir nicht. Wir als Gesellschaft müssen umdenken, wenn wir weiterhin bedeutungsvolle Kunst haben wollen. Ich will das Streaming nicht verteufeln. Denn es ist so höllisch praktisch. Für uns als Konsumenten. Kostet 10€ im Monat. Aber um den Preis bieten zu können – muss eben leider die Kunst entwertet werden. Klingt bitter. Ist aber leider so. Wächst ja nicht auf Bäumen, der ganze Kram.

    Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

     

  • Halt! Stop! Humorpolizei!

    Halt! Stop! Humorpolizei!

    Lieber Sigmar Gabriel,

    ich lese erfreut, dass sie gegen eine öffentliche Humorpolizei sind. Wo die SPD sich doch sonst auch mal für durchaus strittige Polizeigesetze stark macht. Kleiner Scherz. Hoffe, jetzt kommt nicht gleich doch noch die Humorpolizei um die Ecke und verhaftet mich.

    Ebenfalls löblich: dass Sie Frau Kramp-Karrenbauer so ritterlich beispringen, wenn es um die Verteidigung  ihres Witzes über Intersexuelle geht. War ja schließlich ein Witz! An Karneval. Darf man nicht so eng sehen. Und wer es doch so eng sieht – ist Teil einer „elitären Debatte[…] die weit entfernt von der Lebenswirklichkeit der normalen Menschen sei“.

    Gut, dass sie durch die Formulierung intersexuelle Menschen als „unnormal“ bezeichnen – geschenkt. War ja gerade erst Karneval. Da darf man das nicht so eng sehen. Wenn man sich das nur oft genug einredet – stimmt das bestimmt irgendwann.

    Ich sollte aber nun langsam mal zum Thema kommen.

    Ich weiß nicht, ob Ihnen der Begriff „Zivilcourage“ noch etwas sagt. Das war so eine Phase in Deutschland, wo die Politik dazu aufgerufen hat, aufzustehen und dazwischenzugehen, wenn ein Nazi was Blödes zu einem Türken sagt. Fanden alle super. Wenn man jetzt allerdings aufsteht und dazwischengeht, weil die CDU-Chefin was super beschissenes über Intersexuelle sagt – ist das plötzlich „verkrampft sein“ und „Humorpolizei“?

    Das müssten Sie mir erklären, lieber Sigmar Gabriel.

    Wird eine Äußerung weniger verurteilenswert, wenn man dabei ein lustiges Hütchen aufhat?

    Das wäre ja praktisch. Und ist Zivilcourage plötzlich nicht mehr erwünscht, wenn sie sich nicht mehr nur gegen Nazi-Skinheads wehrt? Ist Empörung über Empörung ein wirklich billiger Trick von Menschen, die geistig ein bisschen unbeweglich geworden sind? So viele Fragen.

    Es geht nicht um Witze.

    Niemand hat etwas gegen Witze. Auch nicht gegen harte Witze. Die einzige Humorpolizei, die ich weit und breit sehen kann ist allerdings die, die bei Kritik an zweifelhaften Aussagen immer direkt mit Blaulicht vorfährt und über Lautsprecher verkündet, dass Humor nach wie vor nicht verboten würde.

    Das Problem ist: darum geht´s ja garnicht.

    Wir Männer sollen schließlich auch einschreiten, wenn ein anderer Mann sexistische Kackscheiße von sich gibt. Das kann man als Politik schon mal fordern, das klingt vernünftig. Aber wenn die CDU-Chefin mal wieder ihr homophobes und trans- sowie interfeindliches Weltbild zur Schau stellt – in Deutschland, 2019, nur mal so als Anmerkung nebenbei – und es in bier- und eichentischdekorierter Atmosphäre zu einem flotten Witz fürs Volk verpackt – dann sollte man bloß die Klappe halten, weil es doch in der närrischen Jahreszeit geschieht?

    Geil. Meine nächste gefälschte Steuererklärung reiche ich pünktlich zu Karneval ein. Und behaupte dann, sie sei ironisch gemeint gewesen.

    Zusammengefasst ist Zivilcourage also tot, wenn keiner einen Baseballschläger dabeihat. Ist notiert.

    Machen wir es kurz: die Kritik an Kramp-Karrenbauer einfach so als überempfindliches Mimimi abzutun, weil es eine Problematik außerhalb ihrer Lebensrealität betrifft – halte ich für eine menschliche Bankrotterklärung. Kramp-Karrenbauers Unwillen, ihre Worte als verletzend anzuerkennen und noch ein lapidares „wenn wir keine größeren Probleme haben“ hinterherzuschieben – halte ich für Hybris sondergleichen. Ich hoffe inständig, sie bricht sich das Genick. Also, nur im übertragenen Sinne natürlich. Und selbst wenn nicht: war doch nur ´n Spaß. Wird man doch wohl noch sagen dürfen. Ich hab gerade auch einen lustigen Hut auf. Darauf mein Ehrenwort.

     

     

     

     

     

     

     

     

  • Die

    Die

    Ich habe gerade eine alte Frau angeschrien. Was erstaunlich gut tat. Macht man ja sonst eher selten. Gut, eigentlich habe ich ihr nur sehr laut eine Frage gestellt. Immer wieder. Bis sie dann sehr wütend – und wütend – in ihrer sehr kleinen Welt verschwand.

    Ich habe sie natürlich nicht einfach so zum Spaß angeschrien. Eigentlich kam ich gerade gutgelaunt aus meinem Supermarkt spaziert. Aber dann war da die alte Frau und verwickelte einen jungen Palästinenser mit Fahrrad in ein sehr lautes, aber vor allem sehr einseitiges Gespräch darüber, dass man hier im Bermuda3Eck nicht Fahrrad fahren solle.

    So weit, so unwichtig. Menschen streiten sich eben.

    Und dann ging die alte Frau von dannen, und hier wird die Sache ein bisschen interessanter, denn sie schabte sich noch einen dieser unfassbar schönen Sätze aus der Energiespar-Seele.

    „Die machen hier doch, was sie wollen.“

    Huch, dachte ich. Wer sind denn diese „die“, von denen man so viel Schlechtes hört?

    Da ich keine Antwort wusste – gab ich die Frage einfach mal spontan an die alte Dame weiter. Über fünf Meter Asphalt hinweg.

    „Wer sind denn ‚die?‘“, fragte ich.

    Die Dame ging weiter. Aber ich war wirklich, wirklich neugierig. Also fragte ich nochmal.

    Das ist ja immer sehr schön. Wenn man so laut fragt, dass sich zehn Leute angesprochen fühlen, auch gerne in der Bäckerei nebenan und oben im zweiten Stock noch, aber eben die eine Person, von der man wirklich dringend etwas wissen möchte – ist leider einfach zu taub. Ist bestimmt das Alter, nahm ich an, und fragte der Höflichkeit halber noch lauter nach, wer ‚die‘ denn nun seien.

    Man kann so eine Situation natürlich zu Tode reiten, dachte ich mir. Andererseits hab ich gerade eigentlich auch nix besseres vor.

    Wenn Sie also gerade vielleicht ´n kafkaeskes Gespräch brauchen können – ich hätte da eins über.

    „Wissen Sie, da vorne steht ein Schild, dass das hier eine Fußgängerzone ist.“

    „Wer sind denn ‚die‘?“

    „Und einmal, da ist mir meine Brille – fragen sie mal da vorne in der Pinte.“

    „Wer sind denn ‚die‘?“

    „Ich bin letztens fast umgefahren worden.“

    „Wer sind denn ‚die‘?“

    „Na, diese…“

    „Ja?“

    „Wissen Sie, da vorne steht ein Schild. Und letztens, da bin ich fast…“

    „Ach so. Aber nicht der Mann gerade, oder?“

    „Meine Brille. Da können Sie mal in der Pinte fragen.“

    „Nochmal die Frage: wen meinen Sie denn, wenn sie ‚die‘ sagen?“

    Wusste die Frau jetzt auch keine Antwort drauf. Also drehte sie sich um und trottelte souverän davon, während sie noch etwas von „im eigenen Land“ vor sich hin dummte.

    Da konnte ich nicht anders, als noch einmal schnell meinen inneren Papa zu channeln.

    „Sowas will ich hier nicht hören.“

    Spannende Erfahrung, so auch mal mit Menschen zu reden, die man a) nicht gezeugt hat und b) doppelt so alt sind, wie man selbst. Kann ich jedem nur empfehlen. Einfach mal ´ne interessierte Frage stellen, weil einem etwas unklar ist. Gerne mehrmals, wenn es sein muss auch lauter. Vielleicht weiß ja einer der Umstehenden die Antwort. Wer sind wir denn, wenn wir uns bei diesen bohrenden Fragen alleine lassen?

    Eben.

     

     

  • Was ist eigentlich Rebellion?

    Was ist eigentlich Rebellion?

    Neulich habe ich so ein Interview gelesen. Super Anfang, ich weiß. Da will man sofort erfahren, wie DER Text wohl weiter geht. Ich werd´s ihnen verraten. Nämlich so:

    Neulich habe ich so ein Interview gelesen. Aber leider kein Gutes. Eher so eines der Art, wo dumme Sätze gerne mal zum Sterben hingehen. Ein regelrechter Gnadenhof der Spießigkeit.

    „Alkohol hat ja auch viel mit Rebellion zu tun“, stand da gesprochen.

    Da bin ich kurz eingeschlafen. Als ich dann aus unruhigen Träumen erwachte, fand ich mich leider nicht zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Was schade ist. Musste ich wohl oder übel weiterlesen. Oder über diesen Satz nachdenken. Beides keine schönen Aussichten.

    Wenn das jetzt für sie arg negativ klingt – herzlichen Glückwunsch. Schön, dass sie mitkommen. Denn, mal ehrlich: was hat denn Alkohol bitte mit Rebellion zu tun? Dass Alkohol rebellisch sei – das hat sich doch auch nur irgendeine Werbeagentur in Berlin mal so ausgedacht. Die Revolution säuft vielleicht – aber deshalb ist saufen noch lange keine Revolution. Gott, wie mich das alles aufregt.

    Auch ein guter Satz: Rebellion ist ja alles, was laut ist und stört.

    Schöne Grüße aus dem intellektuellen Wachkoma.

    Baustellen also auch. Wer hätte es geahnt. Wenn ich das nächste mal auf der A40 im Stau stecke – kann ich mich endlich als Teil der Bewegung begreifen. Obwohl ich stehe. Schöne neue Welt. Gleich erstmal ein Bild von Che Guevara posten.

    Und beruhigen. Ganz wichtig. Tief in die Discounter-Tüte atmen. Was ihr meint – ist Protest.

    Ich glaube, wir machen uns Rebellion zu einfach – indem wir uns das Gefühl davon großdenken. Ein bisschen romantisch fast. Da passt es natürlich gut ins Bild, das laute lallen am Tresen und inniges mitnuscheln einzelner Pink-Floyd-Textfragmente als Auflehnung gegen „die da oben“ wahrzunehmen. Und am Ende pisst man noch schön ans Rathaus und kloppt ein Einbahnstraßenschild kaputt. Richtig was getan.

    Für mich ist Rebellion ja was anderes. Beim Buchhändler um die Ecke kaufen, zum Beispiel. Statt bei amazon. Sogar, wenn man dafür vorher vielleicht mal duschen gehen müsste. Aber es hat auch niemand gesagt, dass es einfach werden würde. Und richtig romantisch ist es auch nicht. Nichts, bei dem man die Haare so schön verwegen im Wind wehen lassen könnte. Wir sind nun mal keine Piraten.

    Rebellen tragen keine Lederjacken. Sondern was sie glücklich macht.

    Wenn das jetzt zufällig Lederjacken sind – cool. Wenn nicht: auch cool. Hauptsache, man hört diesen Instagram-Hackfressen nicht mehr zu, die einem erzählen wollen, was man jetzt am besten trägt, um als individuell zu gelten. Wie man sich schminkt und wie viel man wiegen muss, um glücklich zu sein. Dass man 2019 nur noch Tannennadeln und Würmer essen sollte – weil das jetzt ganz for real das neue Superfood sei. Und Sonntags ein mittelgroßes Stück Torf. So man denn vorher einen Marathon gelaufen ist. Man muss sich ja auch mal was gönnen.

    Das komplette Geschäftsmodell dieser fucking Wellness-Industrie besteht ja darin, uns einzureden, dass wir alle nicht besonders well sind. Well, well. Keine große Erkenntnis so weit. Wäre es nicht total rebellisch, das einfach nicht mehr glauben zu müssen? Zufrieden sein als große Auflehnung? Warum nicht? Warum eigentlich nicht?

    Rebellion muss nicht immer laut sein. Aber inspirieren, das sollte sie vielleicht. Also nicht gegen etwas sein. Sondern für etwas. Und das dann einfach leben. Nicht nur darüber reden, dass das ja irgendwie ganz gut wäre.

    Denn das eigene Handeln ist die mächtigste Stimme, die man hat.

    In dem Sinne ist Rebellion vielleicht etwas ganz anderes, als ich selbst noch am Anfang vermutet habe. Vielleicht fängt es damit an, mich selbst zu ändern. Wie ich auf Dinge reagiere. Den Trollen kein Futter mehr. Mich radikal okay finden, egal, was die Influencer sagen. Von mir aus auch saufen und rumbrüllen, wenn mir mal danach ist. Irgendwas vorleben, was dann nachgelebt werden kann, wenn irgendwer das gut findet. Nicht mehr darüber nachdenken, was Rebellion nun ist. Sondern so sein, wie ich sein möchte.

    Dazu gehört auch, nicht mehr jeden Scheiß bei Facebook zu kommentieren, der mir quer geht. Stattdessen schreibe ich da jetzt Blogartikel drüber. Die Wut nicht mehr in diesem virtuellen Eintopf verkochen lassen, sondern zumindest mal mehr als zwei Zeilen darüber schreiben. Letztlich ist es egal, ob dies hier jemand liest. Aber ich habe für mich etwas produktives aus diesem beschissenen Interview gemacht, und eben nicht einfach einen wütenden Satz drunter geschrieben. Ich habe wesentlich mehr Sätze darüber geschrieben. Und nachgedacht. Und nachdenken, weshalb einen etwas wütend macht – ist doch zumindest mal wieder ein Anfang.

     

     

     

     

  • Fett geworden

    Fett geworden

    Ich bin fett geworden. Also, jetzt nicht körperlich. Also, auch, aber das meinte ich nicht. Eher so im Kopf.

    Ich schreibe diesen Text, während ich auf einem meiner arschbequemen Sessel sitze, die die 70er irgendwie in meinem Wohnzimmer vergessen haben. In den 70ern war ja vieles anders. Holzfußböden zum Beispiel, die gabs damals anscheinend noch nicht. Anders kann ich mir diese Rollen unter meinen Sesseln eigentlich nicht wirklich plausibel erklären. War wahrscheinlich alles gefliest, damals. Oder mit Teppich ausgegossen. Und wenn es doch Holzboden gab, hat man den damals allem Anschein nach so sehr gehasst, dass sie dann einfach meine Sessel da hingestellt haben, um das möglichst effizient abzuschaben. Denn diese Rollen – diese Rollen fräsen sich mit jeder Nanometerbewegung tiefer in das eigentlich doch recht ansehnliche Dielenfest, welches meine Wohnung kleidsam unterschmeichelt. Wer da jetzt nicht mitkam: der Holzboden ist schön. Oder: er war es. Bis vor einigen Wochen. Da habe ich diesen Sessel nämlich in einem Anflug von Minimalismuswahn von seinem zugegebenermaßen sehr hässlichen Teppich (nicht aus den 70ern, aber immerhin Ikea) weg- und vor meine Balkontür geschoben, um beim Schreiben ganz großstädtisch auf die leerstehende Bürofläche gegenüber glotzen zu können. Aussicht ist ja ganz wichtig beim Schreiben, und so ein paar sterbende Tomatenreste auf dem Balkon und dahinter eine seit drei Jahren unvermietete Büroetage – das passt ganz gut zu meinem Lebensgefühl gerade.

    „Und, was gibt´s bei dir so neues?“

    „Ich ruiniere seit drei Wochen meinen Fußboden mit so einem Rollsessel. Hat ein paar sehr spannende Prozesse in Gang gesetzt.“

    Denn ich weiß. Ich sehe die doch erstaunlich tiefen Kerben, die sich Canyon-esk durch mein Wohnzimmer Richtung Balkontür winden. Und eigentlich müsste ich nur den fucking Teppich wieder drunter legen. Oder mir einen neuen, weniger hässlichen kaufen. Aber ich tue es nicht. Und jedes Mal, wenn ich hier sitze, denke ich: oha, der schöne Boden, den wirst du abschleifen müssen, wenn du hier ausziehst und das pittoreske Bürowüstenpanorama aufgibst.

    Pragmatischer Geist, der ich bin, beschließe ich also, statt Teppich einfach nie wieder umzuziehen.

    Fett geworden. Alle reden von Selbstverwirklichung, während ich Angst habe vor dem Tag, an dem ich mit meinem Auto einen dieser seltenen, kostenfreien Parkplätze in der Innenstadt finde. Denn bevor ich den aufgebe – kaufe ich mir wahrscheinlich einfach noch ´n Auto. Weil das erste so einen guten Parkplatz hat. Irgendwo ist da bestimmt eine ganz passable Allegorie drin zu finden.

    Was wäre der Mensch ohne sein Gewicht?

    Man müsste endlich mal wieder aufstehen. Aber sitzen ist ja angeblich das neue Rauchen – und irgendein Laster braucht der Mensch ja. Gerade, wenn er irgendwann mal umziehen will. Was sich aber wiederum mit dem Sitzen unfassbar schlecht verträgt.

    Gegen Ende eines Textes gebietet es oftmals die Höflichkeit, vielleicht die eine oder andere Antwort parat zu haben. Aber ich bin der Antworten, offen gesagt, etwas müde. Wo Fragen doch so viel spannender sind.

    Wann ist man fett, zum Beispiel? Und was lässt sich dagegen tun? Gibt es Sport für die Seele? Muss ich dazu in einen Verein eintreten? Und gibt es hier vielleicht jemanden, der hobbymäßig auf hohem Niveau Fußböden abschleift und morgen früh Zeit hat?

    Ich hätte da nämlich eine spannende Möglichkeit, dich selbst zu verwirklichen.